3 Schießpulver: Für Feuerwerke und Geschütze


Schießpulver: Für Feuerwerke und Geschütze

Schießpulver: Für Feuerwerke und Geschütze
 
Schleuder, Pfeil und Bogen, Wurfspeer und Bumerang zählen zu den ältesten Waffen des Menschen; wie das biblische Beispiel von David und Goliath zeigt, war eine optimal eingesetzte Fernwaffe allen anderen kämpferischen Qualitäten überlegen. Die Waffenwirkung aus der Distanz beruhte Jahrtausende hindurch auf der Ausnutzung mechanischer Prinzipien. Das galt gleichermaßen für die Fernwaffe des einzelnen Kriegers wie für die unterschiedlichen Typen von Wurfmaschinen. Im späten Mittelalter kam es dann in Europa zu einem Strukturwandel in der Kriegstechnik, der in der Folge das gesamte Kriegswesen nachhaltig veränderte: Die chemische Reaktion bei der Zündung eines Gemenges aus Salpeter, Schwefel und Holzkohle ließ sich als Antriebsenergie für Geschosse nutzen und erhielt daher in Deutschland die Bezeichnung Schießpulver. Ein neuartiger und im Wortsinn »unerhörter« Klang kündigte mit dem lauten Abschussknall der Feuerwaffen ein neues Zeitalter an.
 
 Von China nach Europa
 
Beim Experimentieren hatten chinesische Alchimisten schon um 850 die Explosivwirkung eines bestimmten Mischungsverhältnisses dieser drei Stoffe entdeckt, es jedoch nur zur Herstellung von Brandsätzen und Feuerwerkskörpern verwendet. Über die Kontakte der muslimischen Welt nach Asien gelangten verschiedene Pulverrezepte im 13. Jahrhundert bis in den Mittelmeerraum. Der entscheidende Entwicklungsschritt zur Feuerwaffe erfolgte in Europa aber erst im 14. Jahrhundert und bestand im Einsatz der »Büchse«. Nach der bislang ältesten Illustration einer solchen Waffe in einer englischen Handschrift von 1326 aus Oxford handelte es sich dabei um eine auf eine Bank gelegte vasenförmige Büchse, mit der besonders starke Pfeile verschossen wurden. Aus dem gleichen Jahr stammt ein Dokument aus Florenz, in dem es um die Herstellung von canones de metallo geht, und für die folgenden Jahrzehnte sind an vielen Orten in Europa Einsätze der neuartigen Pulverwaffen belegt. Vom lateinischen canna abgeleitet, das »Röhre« oder »Tube« bedeutet, wurde diese Bezeichnung im Zuge der weiteren Entwicklung zunächst in den romanischen Ländern, dann aber auch in England als canon und in Deutschland als »Kanone« zum Gattungsbegriff für schwerere Kaliber der Artillerie.
 
Bis heute haben sich die Fragen nach einem oder mehreren Erfindern nicht klären lassen. Als historisch gesichert gilt, dass in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts die Technologie zur Produktion von Büchsen, Schießpulver und Geschossen, zu denen außer den speziellen Büchsenpfeilen auch kleine Eisen-, Blei- und Steinkugeln gehörten, in Italien, England, Frankreich, Burgund und Deutschland bereits verbreitet war. Von entscheidender Bedeutung für das Schießen war der Ladevorgang, bei dem das Pulver von der Mündung her in die Büchse eingebracht und am Bodenstück festgestampft wurde. Danach führte der Büchsenmeister einen runden, dem inneren Durchmesser der Büchse entsprechenden Holzklotz ins Rohr ein, legte ihn mit kleinen Keilen fest und verdämmte ihn mit Lumpen, bevor er die Stein- oder Eisenkugel einschob. Diese Konstruktion sorgte bei der Zündung des Pulvers für eine kurzzeitige Hemmung der Pulvergase und verstärkte den Druck, mit dem dann die Kugel auf ihre Flugbahn gebracht wurde.
 
Hinsichtlich Aufbau, Handhabung und Wirkungsweise gab es für die kleinen Handbüchsen wie für die größer dimensionierten Geschütze zunächst keine strukturellen Unterschiede. Gefertigt wurden die ersten Büchsen überwiegend aus Schmiedeeisen. Handbüchsen von etwa 0,5-3 cm Rohrdurchmesser schmiedete man als massive zylindrische Stücke und bohrte sie dann auf das jeweils gewünschte Kaliber aus. Leichte, mittlere und schwere Steinbüchsen, die ihre Bezeichnung den im 14. und 15. Jahrhundert als Geschosse bevorzugten Steinkugeln von 12-45 cm Durchmesser verdankten, wurden aus eisernen Längsstäben mit rechteckigem Querschnitt und Eisenringen hergestellt, die der Büchsenschmied in glühendem Zustand über die senkrecht um ein hölzernes Modell des inneren Rohrs angeordneten Stäbe zog und nochmals überschmiedete. Sie schrumpften beim Erkalten und hielten damit die Konstruktion dieser Stabringgeschütze zusammen. Am hinteren Ende dieses Rohrs wurde dann die aus massiven gerundeten Eisenblöcken geschmiedete Pulverkammer eingepasst und im Schmiedefeuer mit dem Rohrteil verbunden. Diese zweigeteilte Form aus Rohr und Kammer war typisch für die frühen Steinbüchsen, auch für einige Riesengeschütze von 50-80 cm Kaliber.
 
Die ältesten Nachrichten über aus Bronze gegossene Stein- und Handbüchsen reichen in die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts zurück. Sie belegen die Anwendung der vom Glocken- und Kunstguss bekannten Verfahren auf das neue Rüstungsprodukt. Noch 100 Jahre später aber war trotz fertigungstechnischer Vorteile der Geschützguss aus Bronze nicht häufiger als das Schmieden von Büchsen. Das lag an der Standortbezogenheit des Bronzegusses, für den außer erfahrenen Gießern und geeigneten Schmelz- und Gussöfen auch hinreichende Mengen der sehr teuren Rohstoffe Kupfer und Zinn sowie Holzkohle als Energieträger und Wasserkraft für die Verarbeitungsprozesse benötigt wurden. So kam es im 15. und 16. Jahrhundert zu einer Konzentration der Feuerwaffenproduktion aus Bronze in der Tiroler Region und in einigen großen bayerischen Städten, wo die geforderten Bedingungen gegeben waren. Die in der Mehrzahl eisernen, auf einer Stange montierten oder mit einem Kolben geschäfteten Handbüchsen kamen wegen des langwierigen und umständlichen Ladevorgangs zunächst nur stationär auf Befestigungsanlagen zum Einsatz. Mit einem an der Unterseite angeschmiedeten Haken ließ sich beim Auflegen auf der Brüstung der starke Rückstoß verringern. Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts gewannen die Schützen mit Handbüchsen auch in der Feldschlacht größere Bedeutung, obwohl sie in Bezug auf die Feuergeschwindigkeit noch für Jahrzehnte den Langbögen und den Armbrüsten unterlegen blieben.
 
 Die Wirkung der Geschütze
 
Mit den Steinbüchsen konnten erstmals Geschosse auf gestreckter Flugbahn mit hoher Wucht gegen Befestigungsanlagen gefeuert werden und Breschen in die Mauern legen. Das war mit den mechanischen Wurfmaschinen im Mittelalter nicht möglich gewesen. Burgen und mittelalterliche Stadtbefestigungen boten keinen Schutz mehr gegen die neuen schweren Feuerwaffen, die zudem ständig verbessert wurden. Ein weiterer Entwicklungsschritt bestand in der Verwendung von Eisenkugeln, die bei gleicher Masse um zwei Drittel kleiner waren als Steinkugeln und damit die Produktion von leichteren Geschützen erlaubten, die besser zu transportieren sowie schneller und einfacher zu handhaben waren und im Ziel dennoch die gleiche Wirkung zeigten. Außerdem wurden unter den Habsburger Kaisern Maximilian I. und Karl V. im 16. Jahrhundert mit allgemein verbindlichen Festlegungen von Geschütztypen und Kalibern zwei Strukturreformen umgesetzt, denen sich später mit nur wenigen Ausnahmen auch Frankreich und England anschlossen, und die letztlich die Voraussetzungen für die Entstehung der Artillerie als eigenständiger Waffengattung in den europäischen Heeren der Neuzeit bildeten. Für die Seefahrerstaaten machte erst die Ausstattung der Schiffe mit Geschützen die erfolgreiche Eroberung und Behauptung der Kolonien möglich.
 
Eine vom Umfang her gigantische Konsequenz hatte das Aufkommen der Feuerwaffen für die Wehrarchitektur: Städte und andere feste Plätze wurden nach den Erfordernissen des neuzeitlichen, am Artillerieeinsatz der Angreifer wie der Verteidiger orientierten Festungsbaus umgestaltet oder neu errichtet. Das konnten sich finanziell nur große Territorialfürsten oder reiche Städte leisten. Damit änderten sich auch die politischen Verhältnisse zugunsten der Mächtigen, die es mithilfe dieser neuen und stärksten Waffen der Zeit schafften, ihre Ziele auf militärischem Wege durchzusetzen.
 
Prof. Dr. Volker Schmidtchen

Universal-Lexikon. 2012.

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